Helfen kann man nicht allein
Sun, 08/20/2017 - 13:53

Helfen kann man nicht allein

Eine der Wittenberger Besucherinnen im Café #Friedenswege am Schwanenteich ist die gelernte Reiseverkehrskauffrau Martina Moritz. Sie kümmert sich um syrische Geflüchtete in und um Lutherstadt Wittenberg. Ihr Engagement begann Ende August 2015 im Wittenberger Ortsteil Griebo, wo ungefähr 130 Flüchtlinge in einer Mehrzweckhalle untergebracht worden waren. Wie viele Bürgerinnen und Bürger seinerzeit, wollte sie etwas Sinnvolles für die vor Krieg und Zerstörung geflüchteten Menschen tun. Sie verständigte sich zunächst auf Englisch. Ein Deutschunterricht wurde eingerichtet – alles selbst organisiert: In den ersten beiden Wochen gab nur sie die Deutschkurse, dann kamen zwei weitere ehrenamtliche Kolleginnen hinzu und sie unterrichteten drei Klassen täglich.

Angefangen bei der Klärung von Aufenthaltsfragen über Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche, Begleitung zu Ärzt*innen, Einrichtung einer Nähstube und Sportangeboten bis hin zum Organisieren von Küchenausstattung und Mobiliar – die Aufgaben der Ehrenamtlichen umfassten alle Aspekte des Alltags der Geflüchteten in Wittenberg. Martina Moritz übernahm sogar die psychologische Betreuung. Sie habe Leute zum Einzelgespräch zu sich nach Hause eingeladen, wo arabische Männer sich auch mal ausheulen konnten. Von September bis Dezember 2015 war sie hauptsächlich in Griebo und arbeitete, wie sie berichtet, täglich zehn bis 16 Stunden. Liebevoll nannte man sie Mama Martina.

Die ehrenamtlichen Unterstützer*innen richteten zu dieser Zeit eine WhatsApp-Gruppe ein, um ihre Arbeit besser zu strukturieren und zu koordinieren. Die ehrenamtlichen, informellen Strukturen entwickelten sich in hoher Geschwindigkeit. In ganz Deutschland vernetzten sich Ehrenamtliche, halfen einander aus, tauschten und vermittelten Informationen. Auch in Wittenberg spezialisierten sich Anwält*innen auf Aufenthaltsfragen, organisierten Gemeinden Kirchenasyl für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge.



Das alles ist nun zwei Jahre her. Mittlerweile sind die meisten Geflüchteten in Wohnungen untergebracht. Die Anzahl der engagierten Unterstützer*innen ist stark geschrumpft. Auch Martina Moritz ist erschöpft – zu viel Arbeit und zu wenig Anerkennung und Unterstützung: „Aber ich kann meine Leute doch nicht hängen lassen.“ Und: „Wenn wir uns nicht kümmern, wer dann?“ Wie Martina Moritz geht es vielen Ehrenamtlichen: Sie fühlen sich alleingelassen und frustriert. Trotz umfassender Kompetenzen in der Beratung und Begleitung von Geflüchteten, wird ihre Arbeit nicht anerkannt, geschweige denn honoriert.

Viel bedarf es nicht, um den ehrenamtlich tätigen Frauen – denn es sind überwiegend Frauen – zu zeigen, dass sie eine großartige, wertvolle Arbeit tun, doch leider kommt da zu wenig. Sie werden nicht wahrgenommen als Fachleute, in Ämtern werden sie zum Teil belächelt, manch eine*r ist von ihnen sogar genervt. Dabei wäre es so einfach: Die Ehrenamtlichen von Wittenberg wünschen sich ein kleines Beratungsbüro mit Schreibtisch, Telefon, Computer und Internetanschluss. Sie würden sich freuen über die Erstattung von Fahrtkosten, denn oftmals wohnen sie nicht direkt im Stadtkern, sondern weiter weg. Dringend bräuchten sie eine Supervision, wo auch sie mal richtig Dampf ablassen könnten.

Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam und so bleibt zu hoffen, dass am Ende, wenn es dann irgendwann wirklich ein Büro mit Koordination und Supervision für die Beratungs- und Begleitungsarbeit gibt, überhaupt noch aktive Ehrenamtliche übrig sind, denen diese Anerkennung zuteil wird.

Carolin Holtmann
Team Café #Friedenswege

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